Wir-Gefühl Wie wir Empowerment fördern

„Das bisschen Haushalt macht sich von allein, sagt mein Mann. Das bisschen Haushalt kann so schlimm nicht sein, sagt mein Mann. Wie eine Frau sich überhaupt beklagen kann - ist unbegreiflich, sagt mein Mann.“ (Hier dürft ihr eurem neuen Ohrwurm frönen – gern geschehen!)

Johanna von Koczian - «Das bisschen Haushalt»


So klang es, als Johanna von Koczian 1977 auf musikalisch-ironische Weise die geringe Wertschätzung gegenüber Hausarbeiten thematisierte. Im selben Jahr trat in Deutschland auch das „Erste Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts“ in Kraft. Hinter dem etwas sperrigen Titel versteckte sich die (Achtung: noch mehr Ironie!) „visionäre“ Idee, dass es in der Ehe keine vorgeschriebene Aufgabenteilung mehr geben sollte. Bis dahin durfte eine Frau nur dann berufstätig sein, wenn dies zu keiner Kollision mit ihren häuslichen Pflichten als Ehefrau und Mutter führte – also so gut wie gar nicht.

Und heute? Rund 44 Jahre später werden immer noch rund 75 Prozent der unentgeltlichen Care-Arbeit (wozu auch die Hausarbeit zählt) von Frauen übernommen. Ist es da nicht irreführend, ja fast schon frech, dass wir von Valeriana uns „Empowerment“ auf die Fahne schreiben und unsere Mitarbeiter*innen dann zum Putzen schicken? Dies ist unser individueller Erklärungsversuch.

Wir wissen, dass Hausarbeit und generelle Reinigungsarbeiten auch heute noch oftmals auf den Schultern von Frauen lasten. Und zwar umso mehr, desto geringer der gesellschaftliche Status. Kann Frau A ihren häuslichen Pflichten nicht nachkommen, hat sie (dies wird ein sehr Ironie-reicher Artikel) „im besten Fall“ genug Geld, um Frau B dafür zu bezahlen, sie ihr abzunehmen. Frau B wird - nicht immer, aber immer öfter – wahrscheinlich einen Migrationshintergrund und keine anerkannte Berufsausbildung haben und ist damit (schon wieder Ironie) DIE perfekte, günstige Arbeitskraft. Was also unterscheidet unsere Mitarbeiter*innen von Frau B?

  • Unsere Arbeit begann nicht mit dem Mittel, sondern mit dem Zweck. Wir wollten kein Putzbusiness eröffnen. Unser Ansatz war die Frage, wie wir Frauen mit Migrationshintergrund dabei unterstützen können, aus dem isolierenden Dreieck von Zuhause, Einkaufsladen und wenigen Bekannten herauszukommen, in das sie oftmals hineinrutschen. Mit Valeriana brechen wir diese Dynamik auf und ermöglichen eine grössere gesellschaftliche Teilhabe.

  • Wir glauben nicht daran, dass Reinigungsarbeiten niedere Tätigkeiten sind. Unsere Mitarbeiter*innen werden geschult und ausgebildet. Sie sind sich bewusst, welch wichtige Aufgabe sie übernehmen und wie viel Geschick sie erfordert. Es ist eben nicht nur „ein bisschen Haushalt“. Macht man es richtig, ist es fast schon eine Wissenschaft für sich.

  • Wir glauben daran, dass Care-Arbeit nicht nur überhaupt einen, sondern einen fairen Lohn verdient. Durch uns lernen unsere Mitarbeiter*innen, dass die Arbeit, die sie meist schon ihr Leben lang und unhinterfragt unentgeltlich ausgeführt haben, einen materiellen Wert besitzt. Mit einem Bruttolohn von 28 Franken pro Stunde wertschätzen wir ihre Arbeit übrigens durchschnittlich um 20 bis 30 Prozent mehr als in der Branche üblich. Inklusive der Schulungen und Kurse investieren wir insgesamt ganze 80 Prozent unserer Einnahmen direkt wieder in unsere Mitarbeiter*innen

  • Wir sehen Valeriana als Einstieg. Unser Ziel ist es nicht, unsere Mitarbeiter*innen in einem (oftmals) schlecht bezahlten Arbeitssektor zu halten, der nicht ihrem möglichen Potenzial entspricht. Deshalb setzen wir auf Deutschkurse und weitere Bildungsmassnahmen, die es unseren Mitarbeitenden ermöglichen, sich immer besser selbst in der Schweiz zurechtzufinden. Und wir setzen auf persönliche Beziehungen, zwischen den Frauen und mit unseren Kund*innen, weil wir daran glauben, dass daraus grossartige neue Gelegenheiten und Chancen entstehen können. Wir sind glücklich über jede Frau, die uns irgendwann den Rücken kehrt, weil sich eine andere Möglichkeit für sie aufgetan hat – auch in dem Wissen, dass es noch genug Frauen gibt da draussen, denen wir Starthilfe geben können.

Wir wissen, dass seit Johanna von Koczians zitiertem Schlager schon einiges passiert ist und noch einiges passieren muss. Wir massen uns nicht an, die Lösung zu sein. Aber wir glauben fest daran, dass wir unter den gegebenen Umständen unseren bestmöglichen Beitrag zu einer Verbesserung leisten. 

In diesem Sinne: Happy Women's Day! Und vielleicht hören wir schon bald im Radio: „Das bisschen Haushalt machen wir zusammen, sagt mein Mann.“



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