Integration Im Gespräch mit der Integrationsförderung der Stadt Zürich

 
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«In einer Stadt wie Zürich gibt es nur sehr wenige Menschen, die hier geboren sind. Fast alle sind zugezogen, die einen aus einer Nachbargemeinde und andere von einem anderen Kontinent.»
Was das für das gemeinsame Miteinander bedeutet, untersucht Christof Meier als Leiter der Abteilung Integrationsförderung der Stadt Zürich. Im Interview mit Valeriana hat er erzählt, wie die Theorie einer integrativen Gesellschaft in die Praxis übersetzt werden kann. Und warum aus dem Neben- dafür dringend ein Miteinander werden muss. 

Valeriana: Herr Meier, wie sieht Ihr ganz persönlicher Werdegang aus, der Sie zu Ihrer jetzigen Position als Leiter der Integrationsförderung der Stadt Zürich geführt hat? 

Christof Meier: Ich bin ausgebildeter Sekundarlehrer phil. II und machte während meines Zweitstudiums der Ethnologie eine Blindbewerbung an die AOZ (Asyl-Organisation Zürich). Zwei Tage später begann ich als Nachtwache in einem Durchgangszentrum und drei Monate später übernahm ich für die AOZ erste Sonderaufgaben. Dabei blieb ich hängen und irgendwann wurde ich Leiter des damals neuen psychosozialen Dienstes. 2000 wechselte ich zur Eidgenössischen Ausländerkommission, um die erste nationale Integrationsförderung aufzubauen, und 2006 kam ich dann schliesslich zur Stadt Zürich.

Valeriana: Was ist Ihr täglicher Antrieb und Ihre Motivation sich für Integration und die Menschen dahinter einzusetzen?

Christof Meier: Ich habe eine Arbeit, die sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzt und versucht, konstruktive und zukunftsorientierte Beiträge zugunsten eines guten Zusammenlebens zu leisten. Dabei ist besonders interessant für mich, dass es um sehr viele verschiedene Themen geht und auch immer wieder neue dazukommen. Deshalb erlebe ich meine Arbeit als ebenso interessant wie sinnvoll. Das ist Glück und ein grosses Privileg.

Valeriana: Was für eine Strategie und welche Ziele verfolgt die Stadt Zürich für die Integrationsförderung?

Christof Meier: Grob gesagt umfasst Integrationsförderung drei Stossrichtungen. Erstens geht es darum, dass die Angebote und Dienstleistungen der Stadtverwaltung so ausgestaltet sind, dass sie, wenn immer möglich, die ganze Bevölkerung erreichen, also auch die Fremdsprachigen oder die Neuzugezogenen. Zweitens versuchen wir dort, wo es tatsächlich ergänzende Angebote braucht, diese bereitzustellen. Das kann beispielsweise bei der Sprachförderung oder bei der Erstinformation der Fall sein. Und drittens haben wir Projekte und Aktivitäten, bei denen es um das Zusammenleben in unserer Stadt geht. Das kann das gute Nebeneinander betreffen, oder – viel wichtiger – das gemeinsame Miteinander. 

Valeriana: Wie dürfen wir uns die Massnahmen und Angebote für die Zielgruppe vorstellen? 

Christof Meier: Was den ersten gerade erwähnten Punkt betrifft, geht es beispielsweise darum, dass eine Mütter- und Väterberatung nicht warten kann, bis die Leute gut genug Deutsch sprechen. Sie muss so konzipiert sein, dass sie für alle da ist. Aber das müssen wir von der Integrationsförderung nicht unterstützen, das ist einfach professionelle Verwaltungsarbeit. Zum zweiten Punkt vielleicht der Hinweis, dass wir in der Sprachförderung darauf achten, das Kursangebot privater Anbieter bedarfsgerecht zu ergänzen. So haben die von uns unterstützten Kurse in der Regel eine Kinderbetreuung, denn viele Fremdsprachige sind darauf angewiesen und der private Markt kann das aus Kostengründen nicht anbieten. Und mit Blick auf den dritten Punkt unterstützen wir beispielsweise Vereine und Organisationen dabei, interkulturelle Projekte zu realisieren. Zudem – und das als Ergänzung – sind wir auch für übergeordnete Themen wie rassistische Diskriminierung zuständig. 

Valeriana: Was ist Ihrer Ansicht nach besonders wichtig, damit Integrationsarbeit erfolgreich ist? 

Christof Meier: Wichtig ist vor allem, dass Integrationspolitik einerseits Realpolitik ist und andererseits Gesellschaftspolitik. Damit meine ich, dass es nie darum geht, ob wir die Zugezogenen bei uns wollen oder nicht. Sie sind da: Wir haben die Bevölkerung, die wir haben. Das ist die Ausgangslage jeder Integrationspolitik. Und Gesellschaftspolitik deshalb, da es um fast alle Themen unseres Alltagslebens geht. Es beginnt bei Geburtsvorbereitungskursen und endet bei Bestattungsmöglichkeiten, die die religiösen und kulturellen Wünsche berücksichtigen. Gefragt ist also eine Haltung, in der die Vielfalt in unserer Gesellschaft normal ist und die auf unsere gemeinsame Zukunft ausgerichtet ist. In diesem Sinne fördert eine erfolgreiche Integrationsarbeit den einzelnen Menschen und arbeitet parallel dazu darauf hin, dass Integration so wenig wie möglich gesellschaftlich verhindert oder gehemmt wird. 

Valeriana: Wie wichtig ist es Ihrer Ansicht nach, das gesellschaftliche Miteinander und den Kontakt zur hiesigen Bevölkerung für neu zugewanderte Menschen zu fördern? Und wie lässt sich das umsetzen?

Christof Meier: In einer Stadt wie Zürich gibt es nur sehr wenige Menschen, die hier geboren sind. Fast alle sind zugezogen, die einen aus einer Nachbargemeinde und andere von einem anderen Kontinent. Sie alle brauchen soziale Kontakte und Freunde, also Begegnungsmöglichkeiten und gemeinsame Aktivitäten. Wenn wir also darüber nachdenken, wie wir die Integration von aus dem Ausland Zugezogenen fördern können, können unsere eigenen Erfahrungen als wichtige Orientierungspunkte dienen. So wissen wir zum Beispiel alle, dass es an einer neuen Arbeitsstelle, in einem neuen Verein etc. für unsere dortige Integration von Bedeutung ist, ob wir willkommen geheissen werden oder ob man uns sagt, dass niemand auf uns gewartet habe. Es geht also vor allem um den Alltag und damit auch um Nachbarschaft, um Vereine, um öffentliche Räume, aber natürlich auch um Offenheit und Neugier und um eine gemeinsame Sprache.

Valeriana: Was kann jede*r Einzelne tun, um eine erfolgreiche Integration zu ermöglichen und mitzuwirken? Was wäre Ihr Call-to-Action? 

Christof Meier: Niemand ist mit allen befreundet oder in einem engeren Kontakt. Aber wenn jede und jeder von uns nicht nur in seinen engsten «Bubbles» verbleibt, sondern sich aufgrund von Offenheit oder Neugier immer wieder auch mit «ganz anderen» Menschen austauscht, ergibt sich dadurch insgesamt ein Netzwerk und eine miteinander verbundene Stadt. Das Ziel ist, dass sich alle hier Lebenden unabhängig ihrer allfälligen anderen Zugehörigkeiten auch als Zürcherin oder als Zürcher fühlen – und dieses Gefühl müssen wir unserem jeweiligen Vis-à-vis sowohl ermöglichen als auch vermitteln. 


Fotos z.V.g. von der Integrationsförderung Stadt Zürich

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